Archiv für Dezember, 2009

Große Geburtstagsparty oder Trauerstimmung in der Sesamstraße

Die berühmteste Straße der Welt feiert in diesen Tagen ihr 40. Jubiläum. Aber in welcher Stadt ist diese Straße eigentlich zu finden? Trotz Routenplaner und Navigationssystem blieb meine Suche lange Zeit ergebnislos. Weder in München noch in oder in Hamburg gibt es eine Sesamstraße, erst in Köln wurde ich fündig, doch als ich dort ankam, war von einer Party nichts mehr zu sehen. Mist, wahrscheinlich war ich zu spät gekommen. Dann werde ich mir eben mit krümeligen Keksen bewaffnet die Sesamstraße wieder auf dem Sofa vor dem Fernseher ansehen.

Schon das jazzige Eingangslied: „Der die das, wer wie was, wieso weshalb warum, wer nicht fragt bleibt dumm!“ war durch seinen leicht provokativen Charakter bei den Kindern ein Hit. Seitdem löchern sie die Erwachsenen sozusagen mit offizieller Genehmigung mit ihren Fragen, füllen die Ritzen der Fernsehsessel mit Kekskrümeln und lieben es, sich in ihren neuen geringelten Pullovern in Mülltonnen zu verstecken. Als die Sesamstraße 1972 zum ersten Male im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden, standen Eltern und Pädagogen die Haare zu Berge. Zu viel Farbe, zu viel Ghetto-Atmosphäre, zu große Münder, die zu schnell und zu laut traditionelle Werte hinterfragten und auf den Kopf stellten. Bisher kannte man nur die steifen Figuren aus der Augsburger Puppenkiste, die brav und bieder über die deutschen Bildschirme hopsten  und in ihrer oft schwer verständlichen Sprache nur selten Grund zur Aufregung gaben.

Umso mehr waren die Kinder von den sympathischen und Nicht-Helden und der unaufgeräumten Kulisse begeistert. Ob es da wohl Ungeziefer gibt?
Und als einige Ureinwohner der amerikanischen Sesamstraße nach und nach verschwanden und durch neue Bewohner die deutsche Sesamstraße etwas salonfähiger wurde, erkannte man die neuen pädagogischen Möglichkeiten. Dass jeder auch noch so große Tollpatsch, Vielfraß oder Neunmalkluge auch seine guten Seiten hat, dass Streit und Missverständnisse etwas ganz normales sind und dass Toleranz die Grundlage für ein fröhliches Miteinander ist.

Leider hat sich das ursprüngliche Konzept, nämlich die Kinder sozial schwächerer Bevölkerungsschichten anzusprechen und ihnen auf ihre Weise Werte und Wissen zu vermitteln, ins Gegenteil gekehrt und heute gilt die Sesamstraße als mustergültige Kindersendung in intellektuellen Kreisen. Als eine Art Kult-Sendung muss sie sich nun gegen Spongebob & Co. behaupten, was allerdings kaum noch gelingt.

Erstellt am Dienstag 1. Dezember 2009
Unter: Verschollen | Keine Kommentare »